Die Anfänge von Rettich und Mus 1902-1903
Die alten Sandhäuser kennen Rettich und Mus als Parteien, die bei den Wahlen gegeneinander antraten und sich nichts schenkten. Angefangen hat aber alles ganz anders.
Am 28. Februar 1901 kam Pfarrer Bartholomäus Kempf nach Sandhausen. Er war »ein großer, stattlicher und stets leutseliger Mann«[10], und nach der Erinnerung eines alten Sandhäusers hat er Tauben gezüchtet. In seiner Zeit hier promovierte er an der Heidelberger Universität zum Doktor der Philosophie (1907). Auf den rückwärtigen Seiten des Standesbuches von Bruchhausen (von Pfarrer Böser 1944 herausgetrennt) trug er seine Sandhäuser Erinnerungen ein. Er beginnt: »Auf diesen Blättern mußt Du lesen, Wie's in Sandhausen einst gewesen. « Nach jetzt 80 Jahren kann man daraus einiges zitieren (auch aus den entsprechenden Akten im Freiburger Diözesanarchiv), ohne alte Wunden aufzureißen. Um dennoch niemandem zu nahe zu treten, werden Namen weggelassen.
»In Sandhausen, auf meinem ersten Pfarrersposten, verliefen die vordersten 5/4 Jahre in Ruhe und Frieden. Um Gemeindepolitik kümmere ich mich nicht ... Ich hörte ab und zu, daß die Sängerinnen im Kirchenchor sich über allerlei Parteilichkeiten ... von seiten des Organisten beklagten ... Ich kümmerte mich um dergleichen Differenzen gar nicht « Das sollte sich aber bald ändern. »Maien 1902 brach an ... An diesem ersten Maisonntag war auch ein Preissingen für weltliche Gesangvereine in dem nahen Oftersheim. « Der Dirigent und Organist war zusätzlich auch Dirigent eines solchen. (Der Männergesangverein Cäcilia wurde erst 1907 gegründet) » Von der Teilnahme am Gottesdienst als Organist hatte er sich entschuldigt ... Im Verlaufe des Nachmittags kamen dann einige Sängerinnen ins Pfarrhaus und fragten, was heute abend in der Maiandacht bei der wahrscheinlichen Abwesenheit des Organisten zu tun sei. Ich gab ihnen den Bescheid: Wenn der Organist kommt, wird er schon mit euch etwas singen, kommt er nicht, dann singt ihr allein. Da das letztere nahe lag, übten die Mädchen kurz in der Kirche noch einige Gesänge. Die Maiandacht am Abend begann, und siehe, der Organist ist da. Ich wunderte mich und die Mädchen ärgerten sich, daß er das einstimmige >Maria zu lieben< als Predigtlied wählte. Das war wohl Opposition gegen den Plan der Mädchen, denn die Stimmung war eine äußerst gereizte. Nach der Predigt wurde das Allerheiligste zum Maialtar getragen, und jetzt sangen die Mädchen, scheints auf Betreiben der Sängerin X, einer großartigen Altistin, gegen Orgelintonation und gegen den Willen des Organisten ein 2- oder 3-stimmiges Liedle. (Der Organist) packt auf und verläßt ohne weiteres in aller Stille die Kirche. Die Anwesenden mit mir merkten nicht im geringsten den Vorfall und den Grund, warum die Orgel versagte. « Der Organist schloß später einige Sängerinnen aus. Bei einer Probe kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen und auf Betreiben des Organisten zur Vorladung eines Mädchens vor den Bürgermeister wegen Beleidigung. »Der protest. Bürgermeister (war) von einer Schuld des vom Organisten angegriffenen Mädchens so wenig überzeugt als wir.«
Der Pfarrer setzt sich hier für die Sängerin ein und war damit in den Streit hineingezogen. Der Organist verlangte 50 M Strafe, oder die Sache ginge ans Landgericht. Er konnte sich nicht durchsetzen. Daraufhin legte er sein Dirigentenamt nieder und spielte nur noch die Orgel. Einige Gemeindemitglieder ergriffen für ihn Partei. Zu einer weiteren Eskalation kam es an Fronleichnam. »Am Nachmittag schon, und dann vorab für den übrigen Teil des Jahres 1902 und das 1. Viertel des Jahres 1903 ging dann ein wahrer Hexensabbat los.« Bei einer »Nachfeier« am Fronleichnamsnachmittag wurde der Cäcilienverein für aufgelöst erklärt und ein Teil der Vereinskasse (18 M) in 180 Schoppen Bier umgesetzt. Freiburg entsprach nicht dem Wunsch der Partei des Organisten, den Pfarrer zu versetzen. Jetzt versuchte man es über den Dekan in Schwetzingen, den früheren Sandhäuser Pfarrer Blöder, aber auch nicht mit Erfolg. Anonyme Briefe gelangten ins Pfarramt. Auf Antrag lieferte sie die Post gar nicht mehr aus. Deshalb schrieb man die Briefe mit verstellter Handschrift und schickte sie von umliegenden Orten. Um weiteren Druck auszuüben, trat der Organist auch von diesem Amt zurück.
Zum Glück wurde der alte Lehrer wieder gesund und übernahm den Organistendienst. Es kam immer mehr zum Klatsch in den Fabriken. Die Heimat des Pfarrers könne nicht mehr lange Sandhausen sein. Nachdem die umliegenden Zeitungen nichts veröffentlichten, stand im Karlsruher »Landesboten« vom 12. Juli 1902 ein Schmähartikel gegen den Pfarrer. Ein Brief mit 9 Unterschriften ging nach Freiburg. Aber der Großteil der Gemeinde war auf seiten des Pfarrers: »Hochw. Herr Pfarrer Kämpf versieht an hiesigem Orte seine Stelle als Geistlicher und Seelsorger in jeder Hinsicht mit bewundernswerter Aufopferung ... (Es) äußert sich aber auch in hiesiger Gemeinde laut und öffentlich die Unzufriedenheit gegen jene Personen, die Hochw. Herrn Pfarrer Kämpf durch Entstellung und Unwahrheiten offen und versteckt anschuldigten.« (Aus einem Brief des Kirchengemeinderates und der Bürger mit 109 Unterschriften)
Es kamen die Namen Rettich und Mus auf. Pfarrer Kempf schreibt: »Eines schönen sonntags- stand auf der Türe zum Nebenzimmer (der Krone) Rettichverein in großen Kreidebuchstaben ... über den Häuptern der frohen Zecher (hing) ein gewaltiger Rettich an einer Schnur von der Decke herab. Er war oben angebohrt ... Ich erwähne (dies) deswegen, weil (es) den Namen abgab zur Bezeichnung der Partei ... Rettich. Später erhielt der Name politische Färbung und man bezeichnete mit Rettich allgemein die Oppositionspartei gegen das Rathaus, gegen den Bürgermeister Hambrecht ... (Vorerst galt aber noch:) Rettich wurde förmlich Feldgeschrei für die Partei X (der Organist war nicht der Anführer!) und Mus für den Anhang des Pfarrhauses. Warum nun den Anhang des Pfarrhauses Mus nennen? Die Sache kam so: Wenn Kinder, mitunter auch schon in erwachsenem Alter meiner Schwester oder für mich (etwas)... besorgten, gab meine Schwester, wie schon seit Jahren gewohnt und ich denke, fast in allen Pfarrhäusern Brauch, ein Stücklein Brot mit Honig oder Gelee ... oder wie man hier sagt Mus. "Im Januar 1903 gingen Vertreter der Rettichpartei »in teilweise gepumpten Zylinderhüten nach Freiburg ... Ich hörte nachträglich einmal gelegentlich, daß sie beschieden wurden in die Wohnung des H. Weihbischofs Knecht und daß sich (einer) in der Tat erfrechte, dort mit der Faust auf den Tisch hineinzuschlagen. Daraufhin sollen sie fortgejagt worden sein ... Etliche Tage nach dieser Freiburg-Reise lief einer der Getreuen ... bei den Gleichgesinnten herum und zog 50 Pfennig ein pro Kopf zur Bestreitung der Auslagen für die Freiburg-Reise.
« Nochmals weisen der Stiftungsrat, der Verwaltungsrat des Schwesternhauses und der Verwaltungsrat des katholischen Arbeitervereins im April 1903 in einem Brief nach Freiburg alle Anschuldigungen gegen den Pfarrer zurück. Die Niederbronner Schwestern - ihre Oberin war an Tuberkulose gestorben - werden auch in den Streit mit hereingezogen. Die Rettichpartei gründete einen Konkurrenzkrankenverein, wodurch die Schuldenrückzahlung für das Schwesternhaus gefährdet war. Daraufhin gehen die Niederbronner Schwestern am 1. Mai 1904. Bis im Oktober 1904 die Schwestern aus dem Provinzhaus Hegne kamen - sie betreuen heute noch Krankenpflege und Kindergarten - sorgten der Bürgermeister und der evangelische Pfarrer Hauß für Unterstützung in der Krankenpflege. Ein Mitglied der Pfarrgemeinde sorgte für Kinderbetreuung, ein anderes für die Nähschule. Die neuen Schwestern halfen durch ihre besonnene Art mit, das Klima zu verbessern. Der Streit wurde jetzt mehr politisch, was Bürgermeister Hambrecht noch zu spüren bekam (siehe an anderer Stelle dieses Buches).

